Der Bambusspross wird zum Bambusstamm

Sprichwörter und Spruchweisheiten der Khmer

Übersetzt und herausgegeben von Gabriele und Ngen Yos

Sprichwörter geben Einblicke in oft ferne Lebenswelten. Das vorliegende Bändchen mit Übersetzungen aus der Khmer-Sprache führt uns Lebensweise und Erfahrungen des kambodschanischen Volkes vor Augen. Ngen Yos als gebürtiger Kambodschaner hat auf der Grundlage einer Anfang der 1960er Jahre in Phnom Penh erschienenen Sammlung Sprichwörter und Spruchweisheiten aus verschiedenen Lebensbereichen für deutsche Leser aufbereitet. Zum besseren Verständnis sind den Sprichwörtern kurze Ausführungen zur kambodschanischen Geschichte, zum Brauchtum und zu den strukturellen Besonderheiten der Texte des Originals vorangestellt.


Der Übersetzer und Herausgeber dieses Buches kambodschanischer Sprichwörter kam 1970 zum Studium der deutschen Sprache nach Leipzig. Das Universitätsstudium schloss er dann als Diplomgermanist ab. Die Kultur seines Heimatlandes war im damaligen Gastland DDR kaum bekannt. Doch ein beträchtlicher Teil der Menschen, mit denen er hier in Kontakt kam, hatte —so spürte er —das Bedürfnis, fremde Menschen und Kulturen kennenzulernen.

Mitte der Achtzigerjahre begann er daraufhin Material zusammenzutragen und an der Übersetzung von Sprichwörtern aus der Sprache der Khmer zu arbeiten. Der damals in Leipzig ansässige Kiepenheuer-Verlag zeigte Interesse an einer Veröffentlichung kambodschanischer Sprichwörter. So entstand ein Vertrag zwischen Verlag und dem Übersetzer. Die Zusammenarbeit mit dem Verlag war schon weit gediehen – auch ein Gutachten einer Spezialistin der Berliner Asienwissenschaft war eingeholt-, doch kurz vor dem Erscheinen kam die Wende. Das Projekt wurde seitens des Verlages gestoppt und schlieBlich wurde der Vertrag gekündigt.

In den Wirrnissen der Wendezeit hat der Übersetzer dann nach anfänglichen Misserfolgen bei der Suche nach einem neuen Verlag das Projekt nicht weiter verfolgt.
Drei Jahrzehnte ruhte das Manuskript im Keller, und nun — im Rentenalter – entschied sich der Autor, die Sprichwörter und Spruchweisheiten der Khmer nach einer erneuten Überarbeitung auf eigene Kosten herauszugeben, hatte er doch zusammen mit seiner Frau unzählige Stunden dafür investiert. Das sollte nun auch in Form eines Buches sichtbar werden, also weniger aus kommerziellen, als vielmehr aus ideellen Ambitionen.

Die Arbeit basiert auf der ersten Sammlung von Spichwörtern in der Khmer-Sprache, die 1961 in Phnom Penh erschienen ist. Die Autoren dieser Sammlung wandten sich schon bald nach der Erringung der Unabhängigkeit Kambodschas im Jahre 1953 der Erfassung und Bewahrung des kulturellen Erbes des Khmer-Volkes zu.

Ca. 1000 Sprichwörter, Spruchweisheiten und Sentenzen wurden von den Herausgeber für das vorliegende Buch ausgewählt und im Sachgebiete eingeordnet. Es erscheint beim Verlag edition winterwork in Borsdorf bei Leipzig.

Gabriele und Ngen Yos, „Der Bambusspross wird zum Bambusstamm“
Edition winterwork 2020
ISBN 978-3-96014-690-2

11.90 €, eine Bestellung ist über jede Buchhandlung möglich.


Ein paar Sprichwörter-Beispiele aus dem Buch

  • Ein alter Büffel verschlingt gern zarte Gräser.
  • Zuckerrohr lässt man nicht von Elefanten bewachen.
  • Zwei Frauen, drei Ochsen, ein Elefant – sie alle bereiten dem Herzen Kummer.
  • Bei einem schlechten Schmied ist immer das Eisen schuld.
  • Ein scharfes Schwert in der Scheide, das Wissen im Buch, die geliebte Gattin in der Ferne – wenn wir sie brauchen, tut uns das Herz weh.
  • Fälle  nicht den Baum, um Früchte zu ernten.
  • Wer auf dem Rücken liegt, spuckt auf die eigene Brust.
  • Auf morschem Holz ist nicht gut sitzen.
  • Steter Tropfen füllt den Becher, ein starker Strahl füllt ihn nur halb.
  • Schritt für Schritt kommt man nach Hause, sich überstürzend, nächtigt man unterwegs.
  • Am Reichtum eines Bösewichts, auch wenn er im Überfluss vorhanden ist, können andere Menschen nicht teilhaben, so wie das salzige Wasser des Ozeans den Durst nicht zu stillen vermag.
  • Bis zum fünften Lebensjahr soll man ein Kind liebevoll umsorgen, bis zum zehnten Lebensjahr durch Zucht und Tadel auf den richtigen Weg geleiten, jedoch ab sechzehntem Lebensjahr soll man es wie einen Freund behandeln.
  • Ein beschädigtes Haus muss schnellstens instand gesetzt werden, ein unwissendes Kind muss schnellstens aufgeklärt werden. Versäumt man dies jedoch über Tage, Monate und Jahre hinweg, so kann der Schaden nur mühsam behoben werden.
  • So wie eine Bambusstange unterschiedliche Knoten hat, so können auch Geschwister unterschiedliche Herzen haben.
  • Kommt zu hundert Dschunken voller guter Tat nur eine einzige schlechte Tat hinzu, so geht  alles unter.
  • Beim Menschen zählt das Wort, beim Elefanten der Stoßzahn.
  • Bellende Hunde beißen nicht, grollende Donner bringen keinen Regen.
  • Tausche nicht den geschälten Reis gegen die Spreu.
  • Der Tiger braucht den Wald, der Wald braucht den Tiger.

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